Der Sonntag Nachmittag für Kinder und der Abend für Erwachsene 

Osterhofener Zeitung vom 1. Juli, Bericht: Krenn Tom, Bilder: Jakob Schad 

Wo Musik auf Menschen trifft

Ohefest zeigt nahbare Klassik – Wie Jonas Müller Musik, Organisation und Menschlichkeit unter einen Hut bringt

Niederalteich. Die ersten Takte klingen durch die Aula. Jonas Müller steht ruhig am Bühnenrand. Das Publikum hält den Atem an. Kein Applaus, keinLaut. Dann beginnt er zu singen. Vom Tambourgesellen, dem der Galgen droht.
Von grüner Heide, die zum Grab wird. Von Liebe, Tod und Krieg, verdichtet in Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“. Die Lieder erzählen von einerWelt, die aus den Fugen geraten ist. Und gerade deshalb passen sie in diese Zeit. Was Mahler musikalisch umkreist, spiegelt sich in erschütternder Klarheit in der Gegenwart, in Schutzgräben, zerbombten Häusern, wartenden Schätzlein. In Israel, Gaza, der Ukraine. Mahler ergreift keine Partei, das macht seine Musik so universell. Sie kennt kein Freund, kein Feind. Nur das Leid.
Das Abschlusskonzert des Ohefests 2025 inNiederalteich ist kein versöhnlicher Ausklang. Es ist ein Abend, der fordert und dennoch Hoffnung zulässt. Etwa durch die fein gearbeiteten Scherenschnitte von Schülerinnen und  Schülern des Gymnasiums, die zu jedem Lied visuelle Kommentare geschaffenhaben. Fragile Kunst, die der rauen Welt etwas entgegenhält. 

Drei Tage zuvor hatte das Festival unter dem Motto „In Terra Pax“ mit Werken von  Beethoven und Schumann begonnen (DZ berichtete).
Am Samstag stand die Bühne im Innenhof des Klosters, zwischen Fackeln, Mauern und Abendlicht. Das Ohefest löste mit Musik aus mehreren Jahrhunderten ein Versprechen ein, Klassik darf raus aus dem Konzertsaal, aufs Land, in kurze Hosen. Mit Bier in der Hand, barrierefrei und nahbar. „Wir wollen weg von diesem elitären Zugang zur klassischen Musik“, sagt Wolfgang Müller von den Jazz- und Musikfreunden Vilshofen, die das Festival  mitveranstalteten. Keine Krawattenpflicht, keine stillen Reihen, stattdessen offene Türen, Gesprächsbereitschaft und der Mut, mit neuen Formaten zu experimentieren. Am Sonntagnachmittag wurde der grüne Innenhof der Basilika zur Picknickwiese. Das Musiktheaterstück „Wuthörnchen“ begeisterte Kinder wie Erwachsene. Das Trio Fedami erzählte mit Klarinette, Cello und Gitarre eine Geschichte über Wut, Missverständnisse und Versöhnung, mit viel Humor und Nähe zur kindlichen Lebenswelt. Statt stillsitzen durften die Kinder tanzen, stampfen und singen. Für Wolfgang Müller ein spielerischer Zugang zur Klassik, ganz im Sinne des Festivalgedankens, jungeMenschen früh für Kultur zu begeistern.

Im Zentrum des Abschlussabends stand Gustav Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“. Auf  der Bühne: Aris Alexander Blettenberg (Dirigent und Arrangeur), Anna-Lena Elbert (Sopran) und Jonas Müller (Bariton), begleitet von einem professionellen Ensemble, das Mahler mit filigraner Wucht und erzählerischer Tiefe zum Klingen bringt. Dass dieses anspruchsvolle Programm unter so komplexen Bedingungen gelang, ist keine Selbstverständlichkeit. Nur zwei gemeinsame Proben in München, eine weitere in Niederalteich absolvierten die professionellen Musiker. „Für ein neues Arrangement ist das eigentlich zu wenig“, sagt Müller. Doch auf der Bühne entsteht ein Miteinander, das über Technik hinausgeht. „Alle, die heute mit mir auf der Bühne standen, haben die gleichen Vibes“, sagt er. „Ich lade nurLeute ein, bei denen ich spüre, dass es musikalisch und menschlich passt. Und oft liegt das sehr nah beieinander.“
Zwischen den Liedern laufen Videoprojektionen. Fein geschnittene Silhouetten, gestaltet von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums. Bilder von Krieg, Schmerz und Menschlichkeit. Mahler bezieht keine politische Stellung und trifft gerade deshalb den Nerv. Dass seineMusik auch heute noch bewegt, liegt für Bernhard Falk, Lehrer am Gymnasium Niederalteich, an ihrer kompromisslosen Menschlichkeit. In seiner Einführung zum Abschlusskonzert  erinnerte er daran, dass Mahler keine politische Stellung beziehe, „und das ist gut so, das macht seine Musik so kompatibel mit allen Notzeiten“. Es sei ihm egal, „ob es Russen sind, Ukrainer, Israelis, Iraner, Deutsche, Franzosen. Es sind Menschen, die leiden, egal welcher Nationalität.“ Mahler urteile nicht, aber er sehe alles. Und gerade das mache seine Musik so universell,  so aktuell und so notwendig. 

Das Publikum in der Aula des St.-Gotthard-Gymnasiums hatte zugehört und verstanden. Am Ende, tosender Applaus, standing ovations. Kein Zweifel. Der Abend hatte etwas in den Menschen bewegt. Und doch war er nicht einfach vorbei.  Denn zum Ohefest gehört es, dass sich Künstler und Publikum nicht aus dem Blick verlieren. Vor der Schule, an Stehtischen unter freiem Himmel blieb man beieinander, sprach über das Gehörte und ließ Eindrücke nachklingen. Es wurde diskutiert und nachgefragt. Musik, so nahbar wie die Menschen, die sie gemacht haben. Kaum jemand sieht Jonas Müller an, dass er nicht nur Bariton des Abends war, sondern  auch Motor des gesamten Festivals. Gastgeber, Intendant, Ideengeber und manchmal auch Kisten-Schlepper. „Es ist beides eine Herausforderung, künstlerisch und organisatorisch. Aber genau das liebe ich daran“, sagt er. Auch wenn ihn die Doppelbelastung an Grenzen bringt.
Die Menschen sind bewegt. „Der Jonas hat sich super entwickelt, der hat eine Stimme, Wahnsinn“, sagt Edeltraut aus Hengersberg. „Ich war letztes Jahr schon hier, aber das heute war überragend“, ergänzt Mathias. Hannah aus Künzing ist tief beeindruckt: „Ich bin ganz ergriffen. Was die jungen Leute hier auf die Beine stellen, auch der Dirigent, das ist wirklich Wahnsinn.“ Der stellvertretende Abt des Klosters, Frater Vinzenz, nennt es „künstlerisches und menschliches Reifen“ und schwärmt vom gesamten Wochenende: „Gigantisch. Anders kann man es nicht sagen.“ Georg und Barbara aus Osterhofen fassen es schlicht zusammen: „Es war klasse. Einfach supergut.“ Und  Bürgermeister Albin Dietrich? Der resümiert: „Ein einmaliges Erlebnis. Ein musikalisches Erlebnis mit vielen Highlights.“ Doch auch der Blick nach vorn fehlt nicht. Der Kultur Boden, derzeit noch Baustelle, soll künftig Heimat für Veranstaltungen wie das Ohefest werden. Ein konkreter Termin? „Schwer zu sagen.“ Doch die Hoffnung bleibt. Genauso wie die Musik.